Wing Chun

Legende und Wirklichkeit

Wing Chun

Wing Chun (oder Wing Tsun) ist ein alter chinesischer KungFu-Stil, der ins Deutsche übersetzt schöner Frühling heisst. Der Legende nach ist Wing Chun der Name einer von zwei Frauen, die dieses Kampf- und Selbstverteidigungssystem aus ihren Erfahrungen im Training mit Mönchen des Shaolin-Klosters entwickelt haben.

Ob die Geschichte von der schönen Yim Wing Chun wahr ist oder nur der Schwärmerei eines guten Erzählers entspringt, kann historisch nicht entschieden werden. Tatsache ist jedoch, dass unter dem Namen Wing Chun heute ein raffiniertes Selbstverteidigungssystem vorliegt, das sich durch folgende Merkmale auszeichnet:

Anpassung

Ein Wing Chun-Kämpfer ,passt sich in Art und Intensität dem Angreifer an‘, d.h. je kräftiger der Angriff, desto kräftiger die Abwehr. Hierbei hilft ihm das Training des Chi-Sao (s. unten)

Gleichzeitigkeit von Abwehr und Gegenangriff :

Angriffsbewegungen dienen gleichzeitig auch der Abwehr (z.B.: Keilprinzip bei Faustschlägen)

Direktheit

Der Wing Chun-Kämpfer geht dem Angriff entgegen, in den Gegner hinein und verzichtet auf artistische Techniken wie z.B. Tritte zum Kopf oder umständliche Drehtechniken

Grundsätze statt Regeln

In der Natur eines Kampfes entscheiden weder komplizierte Techniken noch starre Regeln. Das Wing Chun-System verfügt über einfache Grundsätze: vorgehen – in Kontakt bleiben – nachgeben – vorgehen.

Oder anders ausgedrückt:

  1. Gehe geschützt auf den Angreifer zu
  2. Bleibe bei Widerstand in Kontakt
  3. Gib der Kraft des Angreifers nach
  4. Verfolge den Angreifer bei dessen Rückzug

Diese Grundsätze sind gekoppelt mit den vier Kraftprinzipien:

  1. Löse Dich von Deiner Kraft
  2. Löse Dich von der Kraft des Angreifers
  3. Leite die Kraft des Angreifers auf ihn zurück
  4. Ergänze den Gegenangriff durch Deine eigene Kraft

Gefühlsschulung vor Technik

Die Techniken des Wing Chun sind nie Selbstzweck, sondern temporäre Krücken bis es von alleine geht – Ziel ist, den Kampf ganz dem Gefühl und dem Körper zu überlassen.

Das ist kein esoterischer Akt, sondern das Resultat von Training auf der Grundlage der 4 Grundsätze, der 4 Kraftsätze, des Chi-Sao und der Formen. Im Sparring werden alle Elemente miteinander vermischt.

Verbindung von Gesundheit, Kampf und Training

Das Ziel einer intelligenten Selbstverteidigung ist es, gesund zu bleiben. Das soll auch im Training so sein, auf Verschleiss durch brachiale Techniken wird deshalb verzichtet.

Die Wing Chun-Formen fördern die körperliche Gesundheit zusätzlich.

Aufbau der Wing Chun-Schulung

Das Wing Chun-Programm beinhaltet 12 Schüler- und ebenso viele Lehrergrade. Die Schülerprogramme entsprechen einer Grundausbildung und dauern – je nach Zeit und Engagement eines Schülers – zwischen drei und fünf Jahren. Nach dieser Zeit kennt ein Schüler zwei Formen und hat gelernt, auf alle möglichen Angriffe (alle Arten von Faustschlägen und Fusstritten, Würfe, Würge- bzw. Haltegriffe und Waffen) zu reagieren.

Die Formen – Grundschatz der Bewegungen

  1. Siu-Nim-Tau (kleine oder junge Idee)
    Dem Schüler werden alle Bewegungen vermittelt, die für den Kampf wichtig sind. In der Siu-Nim-Tau werden gymnastische, Körper kräftigende und Grundtechniken des Wing Chun miteinander verbunden. Bei der Siu-Nim-Tau bleiben die Beine in fixem Stand.
  2. Cham-Kiu (suchende Arme)
    Der Begriff Cham-Kiu kann mit Brückensuche (zum Angreifer) übersetzt werden. In dieser zweiten Form beschäftigen sich die Schüler zusätzlich mit Beinarbeit, da ein Angreifer nicht statisch ist, sondern sich ebenfalls bewegt. Zudem sollen im Cham-Kiu die Pläne des Angreifers erkannt und zum eigenen Vorteil durchkreuzt werden. Die Cham-Kiu-Form fördert die Koordination gleichzeitiger Bewegungen und somit die Stabilität.
  3. Biu-Tze (stechende Finger)
    Diese dritte waffenlose Form wird einige Zeit nach der Grundausbildung gelernt und dient der Verfeinerung eines Wing Chun-Kämpfers. Sie besteht vorwiegend aus Angriffen mit Fingern, Ellbogen, Handkanten und Fäusten und berücksichtigt speziell die Nahkampfsituationen durch aggressive Gegenangriffstechniken.
  4. Chi-Sao – das Herz des Wing Chun (haftende Hände)
    Chi-Sao ist die eigentliche Gefühlsschulung, bei der die Trainingspartner Hände und Arme gegenseitig berühren und bei den spielerischen Angriffen den Kontakt behalten. Durch standardisierte Angriffstechniken lernen sie, auf kleinste Druckveränderungen flexibel zu reagieren. Im Kampf spielt diese Gefühlsschulung zwar nur für Bruchteile von Sekunden eine Rolle – sie ist jedoch für den Verlauf einer Auseinandersetzung entscheidend. Die Informationen, welche über die Arme an das Hirn weitergeleitet werden, sind schneller als das Auge, welches zudem getäuscht werden kann – darin liegt der Vorteil eines in Chi-Sao geschulten Kämpfers.
  5. Die Holzpuppe (Mak Jongg)
    Häufiges Trainingsinstrument ist eine Holzpuppe mit mehreren, Armen und Beinen, an der sich Schlagkraft, Koordination, Präzision und Schnelligkeit effektiv trainieren lassen – all diese Übungen würden einen Trainingspartner schwer verletzen. Erst ein sehr geübter Wing Chun-Kämpfer kann die Holzpuppe bedienen, ohne sich selber zu verletzen.
  6. Waffen im Wing Chun
    Im Wing Chun werden lediglich zwei Waffen eingesetzt: Das Doppelmesser (40-50 cm) und der Langstock (bis 2.25 m).

Zur Abrundung der Ausbildung lernt der Schüler in der Wing Chun-Schule Chur aber auch den Umgang mit Stock, Messer und Tonfa (Escrima).