Selbstverteidigung

Sicherheit im Alltag

Sicherheit
Selbstverteidigung beginnt im Kopf“

„Jugendliche überfallen 37-jährigen brutal.“
„Schulkind von zwei Jugendlichen misshandelt.“
„Pärchen beim Spaziergang angegriffen.“
„Lehrerin erhält Faustschlag von Schüler.“
„Frau im Bahnhof Chur niedergestochen.“

Die Liste der Schlagzeilen liesse sich beliebig fortsetzen. Schilderungen aus dem Bekanntenkreis und Medienberichte vermitteln den Eindruck, dass Gewalt und Brutalität auf unseren Strassen und in öffentlichen Räumen deutlich zugenommen haben.

Wie kann man sich in diesen sich veränderten gesellschaftlichen Bedingungen trotzdem frei und sicher bewegen?

Paul, ein 16-jähriger Gymnasiast erzählt bei einem Einführungskurs in Wing Chun schmunzelnd, als wäre es eine Lappalie: „Ich war in der Disco am Tanzen und wollte etwas frische Luft schnappen. Bei der Treppe rempelte mich einer in meinem Alter an, ich hätte ihn gefälligst zu grüssen. Ich kannte ihn nicht und habe ihm gesagt, ich grüsse, wen ich wollte. Da sah ich nur noch ein Bein hochschnellen, dann wurde mir schwarz und ich erwachte, als Kollegen um mich herum standen.“

Pauls Erlebnis ist kein Einzelfall. Viele Jugendliche oder Kinder wissen ein Beispiel zu erzählen, bei dem sie Zeugen oder Opfer eines gewaltsamen Übergriffs sind. Dabei geht es oft um Bagatellen, um zehn Franken oder ein Kettchen, manchmal will einer oder eine Gruppe auch einfach nur zuschlagen, Macht ausüben oder – wie man sagt – ,sein Ego befriedigen‘.

Wie soll man sich in solchen Situationen verhalten? Was sollen wir unseren Kindern, den Jugendlichen, aber auch Freunden und Bekannten raten? Und wie verhalten wir uns, wenn wir oder jemand aus unserem Umfeld Opfer eines Übergriffs geworden sind?

Absolute Sicherheit contra Freiheit

Der Staat ist grundsätzlich für unsere Sicherheit verantwortlich und hierzu hat er das Gewaltmonopol. Die Polizei sorgt dafür, dass wir uns sicher bewegen können und die Justiz, dass illegitime Gewaltanwendung geahndet wird. Doch der Staat kann ja nicht überall gleichzeitig sein und durch eine totale Überwachung  bekäme das Gefühl der Sicherheit einen fahlen Beigeschmack. In modernen, nicht totalitären Gesellschaften wie der unsrigen werden Sicherheit und Freiheit stets gegeneinander abgewogen. In letzter Zeit werden jedoch Stimmen laut, welche nicht nur die mangelnde öffentliche und private Sicherheit monieren (man denke etwa an den freien Zugang für Kinder zu gewissen Internetseiten), sondern auch fordern, dass die liberalen Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre in Pädagogik, Medien und ganz allgemein überdacht oder gar zurückgenommen werden.

Diese wichtige Diskussion über Sicherheit und Freiheit wird in einer Demokratie offen geführt und sollte von Parteien, Verbänden, Vereinen und Institutionen vermehrt aufgegriffen werden. Die Verwahrungsinitiative ist ein Beispiel, wie eine solche Diskussion in Gang gesetzt werden kann.

Das ,Notwehrrecht‘ – eine zivilisatorische Errungenschaft

Zu recht wird man einwenden, Diskutieren nütze wenig, wenn man von zwei zur Gewalt Entschlossenen angerempelt und niedergeschlagen werde. Das ist richtig und hier muss gesagt werden, dass über das staatliche Gewaltmonopol hinaus der Einzelne und die Einzelne das Recht haben, sich in Notwehrsituationen zu wehren. Das Notwehrrecht erlaubt in echten Bedrohungssituationen eine angemessene Verteidigung, d.h. die Verteidigung darf nicht unverhältnismässig sein und nur solange dauern, bis die Gefahr gebannt ist. Praktisch gesagt: wenn mich jemand angreift, darf ich mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln wehren, wenn die Gefahr gebannt ist, erlischt das Notwehrrecht – d.h. ,nachtreten verboten!‘ Interessant ist auch der Beginn des Notwehrrechts, die Frage ist ja, wann eine Bedrohungslage anfängt: ist das erst, wenn man mir die Bierflasche auf den Kopf haut oder schon, wenn man mir mit der Bierflasche in der Hand droht? Entscheidend ist hier die gerichtliche Praxis, die immer auch die Kräfteverhältnisse in einer Bedrohungslage einbezieht – die Notwehrreaktion einer Frau wird beispielsweise anders beurteilt.

Verhalten in Bedrohungssituationen

Den meisten Situationen könnte man durch Beachtung weniger Grundsätze entgehen. Die öffentlichen Plätze, Wege und Vergnügungsplätze wie Discos oder Konzerte, wo Aggressionen stattfinden, sind meistens bekannt und oft lässt man sich auf Provokationen ein – das ist, was Angreifer wollen, um ihre Reaktion zu legitimieren. Wer sich messen will, sollte lieber einen Fussballclub, eine Box- oder Selbstverteidigungsschule besuchen. Doch es gibt Situationen, denen man nicht entgehen kann, wenn man beispielsweise zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist und auf die falschen Leute trifft, die entschlossen sind, den Nächstbesten niederzuschlagen oder auszurauben. Erst hier beginnt die physisch-mentale Selbstverteidigung.

Realistische Selbstverteidigung ist kein Sport, weil sie nicht nach Regeln geführt wird, sondern einzig nach Prinzipien der Natur. Das ist nicht nur biologisch gemeint (Angreifer und Verteidiger erhalten einen Adrenalinschub, die Muskulatur spannt sich an usw.), sondern auch physisch mental – und dort liegt die Chance, sich zu verteidigen. Doch das geht nicht ohne Training. An Selbstverteidigungskursen an der Wing Chun Schule Chur lernen Männer und Frauen Bedrohungssituationen spielerisch vorwegzunehmen, damit sie in Notwehrsituationen einen kühlen Kopf bewahren. Wie verhalte ich mich bei Verbalattacken? Wie laut rede ich, wohin schaue ich, welche Position nimmt mein Körper ein? Was tue ich, wenn ich angefasst, gehalten oder bedrängt werde? Schlage ich zuerst oder warte ich ab? Welche Gedanken habe ich, was sage ich im Stillen zu mir?

Um solche und andere Fragen geht es, wenn man die Situationen durchspielt, um zu erkennen, wie man mit Gewalt umgeht, ob man über- oder zu lasch reagiert. Oft hilft nur schon, dass man selbstbewusst bleibt, sich nicht so schnell provozieren lässt oder eine entschiedene Körperhaltung einnimmt.

Und selbstverständlich sollte auch der Körper trainiert werden: Beweglichkeit und Stabilität, Dynamik und Schlagkraft.

Bei der Bewältigung solcher Stresssituationen hilft der (sogenannt!) ,weiche‘ chinesische Stil des Wing Chun, der gerade auch für Frauen oder ältere Menschen eine wirkungsvolle Abwehr bietet, weil die Kraft des Angreifers aufgenommen und auf ihn zurückgeworfen wird. Im Idealfall, d.h. wenn man Wing Chun als Kunst begreift und auch entsprechend trainiert, erhält ein Angreifer seine eigene Gewalt zurück, inklusive die vom Verteidiger hinzugefügte. Klar, das erfordert Training, ist aber grundsätzlich von jedem Menschen erlernbar, selbst Rollstuhlfahrer und solche, die nach Unfällen schwer verletzt wurden, haben es gelernt.

Das Training an der Wing Chun Schule Chur, wie es sie in Chur gibt, ist so aufgebaut, dass ein Anfänger einer Bedrohungssituation möglichst schnell etwas entgegensetzen kann. Hierzu werden über das wöchentliche Training hinaus auch Sicherheitsseminare veranstaltet, in denen die Teilnehmer in künstlichen Bedrohungssituationen gefilmt werden, damit sie objektiv erkennen, wie sie sich verhalten. Das ist spannend, denn niemand weiss genau, wie er sich in Gefahr verhält, wenn er es noch nie erlebt hat.

Das Training solcher Situationen führt nicht etwa dazu, dass man überall einen Angriff erwartet oder geladen durch die Strassen läuft. Im Gegenteil: wer vorbereitet ist, kann Gefahrensituationen realistisch einschätzen, fühlt sich ihnen nicht einfach ausgeliefert und weiss – sollte es hart auf hart gehen – wie er ihnen entgehen oder sich angemessen verteidigen kann.