Grenzen ziehen – Grenzen bewahren – Grenzen verteidigen!

Geschrieben am 1. März 2011 von Roger Staub

Die mentale und körperliche Schulung von Opfern sexueller Übergriffe oder von Vergewaltigung -

„Grenzen ziehen – Grenzen bewahren – Grenzen verteidigen!“

 

So könnte man die Ziele einer effizienten Selbstverteidigung beschreiben, welche Frau und Mann befähigen, einer Bedrohung nicht völlig ausgeliefert zu sein. Jeder Angriff, dem man hilflos ausgeliefert ist, führt zu einem Ohnmachtsgefühl und zu gesteigerter Angst, erneut Opfer einer Attacke zu werden.
Viele, gerade junge Menschen, welche zu uns ins Wing Chun-Training kommen, berichten von solchen Erfahrungen, bei denen sie grund- und wehrlos, physisch und psychisch angegangen und gedemütigt wurden.
Eine besonders schwerwiegende und nachhaltig verletzende Form bilden sexuelle Übergriffe, angefangen von der puren Anmache bis hin zur Vergewaltigung. Offenbar hat die „sexuelle Befreiung“ nicht nur zu einem unverkrampfteren Verhältnis im Umgang mit dem Sexualpartner, sondern – im Zuge fast uneingeschränkter, telekommunikativer Verfügbarkeit – auch zu einer hemmungslosen Form libidinöser Annäherung an das Objekt der Begierde geführt, welche die Grenzen des Gegenübers nicht respektiert und den kurzfristig begehrten Körper unter selbstsüchtigen und konsumistischen Motiven betrachtet.
In Zeiten, wo die Grenzen zwischen Sexualität und Pornographie, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt zunehmend verschwimmen, ist es schwieriger geworden, zu entscheiden, ob eine Annäherung einfach nur takt- und gedankenlos ist oder ob sie die Qualität eines sexuellen Übergriffs hat. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu bestimmen, welche nicht überschritten werden sollen, und diese nach aussen hin auch deutlich zu machen. Selbstverständlich wurden diese Grenzen auch und vor allem dann überschritten, wenn man sich in einer solchen Situation ausgeliefert gefühlt hat und es einem unmöglich war, die eigenen Grenzen zu verteidigen.
Gerade dies ist meistens der Fall; das Opfer fühlt sich dem Übergriff oder gar einer Vergewaltigung hilflos ausgeliefert. Auf den Übergriff folgen Gefühle von Scham, Angst und Ohnmacht und oft auch Schuld. Dieses Schuldgefühl hängt direkt mit der Hilflosigkeit in der Situation zusammen. Deshalb ist es auch nach dem Übergriff wichtig, etwas zu tun. Opferberatungsstellen und die Polizeistellen raten, einen Übergriff möglichst rasch anzuzeigen, um die Beweisführung zu erleichtern und aus der schamhaften Isolation herauszufinden.
Doch selbst wenn ein Opfer den Weg zu den offiziellen Stellen nicht sogleich findet, ist es nie zu spät, mit der Verarbeitung eines schwerwiegenden Vorfalls zu beginnen. Vielleicht, indem man sich zuerst jemandem offenbart, dem man vertraut. Auch kann im Weiteren eine psychologische Beratung hilfreich sein. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Möglichkeit hinzuweisen, die Wiederherstellung des Selbstwertgefühl durch einen Selbstverteidigungskurs zu unterstützen. In einem solchen Kurs – der erfahrungsgemäss erst einige Zeit nach einem Übergriff begonnen werden sollte – werden verschiedene Attacken, von der verbalen bis zur körperlichen, durchgespielt und alle möglichen Instrumentarien – ebenfalls von verbalen bis zu körperlichen – eintrainiert. Die physisch-mentale Schulung von Vergewaltigungsopfern erfordert ein hohes Mass an Sensibilität und Einfühlungsvermögen, eventuell ist auch eine Zusammenarbeit mit einer Psychologin oder einem Psychologen in Betracht zu ziehen. Die Selbstverteidigungslehrerin bzw. der Selbstverteidigungslehrer (denn es ist nicht in jedem Fall zwingend besser, dass ein weibliches Opfer ausschliesslich von eine Frau trainiert wird) muss darauf bedacht sein, nichts zu forcieren und auf die Reaktionen und Wünsche der Kursteilnehmerin ist zu achten (z.B. dass die Erlebnisse nicht und schon gar nicht im Gruppenunterricht thematisiert werden).

Gelingt es in einem von gegenseitigem Respekt getragenen Schulklima, Vertrauen in die eigene körperliche Wehrfähigkeit (zurück)zu gewinnen, so kann ein traumatisches Erlebnis überwunden werden, indem man befähigt wird, die eigenen Grenzen zu ziehen, zu bewahren und notfalls auch zu verteidigen.