Vom Umgang mit Waffen

Geschrieben am 25. Februar 2009 von Mario Clavadetscher

Für einen Kampfkünstler, der sich vor allem auf die Selbstverteidigung konzentriert, sind Waffen ein interessantes Thema. Wenn man sich ein paar Jahre mit den waffenlosen Angriffen befasst hat, steht man mit dem Abwehren von Waffen einer neuen Herausforderung gegenüber.
Es tauchen verständlicherweise Fragen auf, wie man die gängigsten Waffen effizient abwehren kann. Seien es Messer, Knüppel, Ketten oder sogar Schusswaffen. Gegen alles möchte man gewappnet sein.
Die Kampfkünste bieten uns da ein breites Spektrum von Techniken und Methoden. Ob eher traditionell orientiert oder schon fast militärischer Nahkampf, beim Thema Waffen schauen Kampfkünstler gerne auch mal über den eigenen Zaun, um zu sehen, wie das andere machen. Das ist meiner Meinung richtig und auch wichtig. Auf dem „Markt“ gibt es heute Instruktoren, die ihr Handwerk in der Armee oder von der Polizei, in Israel, in Amerika usw. gelernt haben. Wertvoll ist es dabei, wenn man von einer grossen Erfahrung des Instruktors profitieren kann und wenn dieser den Schüler auf Grund von Tatsachen, auf dem Boden der (harten) Realität unterrichtet. Wir alle sind geprägt von Helden in Film und Fernsehen. Natürlich ist es für Rambo „peanuts“, einen Messerangreifer in die Flucht zu schlagen…
… aber wie sieht es für uns „Otto-normal-Kampfkünstler“ aus?

Bei uns im WingChun-Training steht gerade am Anfang des Waffentrainings die „grosse Erleuchtung“ bevor. Die Schüler bekommen ein Gummimesser und dürfen sich angreifen, wie sie wollen. Der Verteidiger versucht sein Bestes, weder „geschnitten“, noch „gestochen“ zu werden.
Den meisten ist es nach kurzer Zeit klar, dass ein unkoordinierter, freier Angriff mit einem Messer kaum abzuwehren ist. Es ist natürlich viel schwieriger, bei einem „Messer-Sparring“ den Angriff abzuwehren, als wenn man trainiert: „Stich von unten“, „Stich von der Seite“, „Stich diagonal nach oben“ usw. Diese Erkenntnis ist meiner Meinung ganz wichtig, damit man im Ernstfall mit dem nötigen Respekt und auch den richtigen strategischen Massnahmen reagiert. Dabei kommt die waffenlose Selbstverteidigung ganz am Schluss, wenn gar nichts mehr geht und vielleicht eh alles verloren ist…
Am Anfang steht das Verhindern der Konfrontation: also auch Beine unter die Arme nehmen und rennen was das Zeugs hält, falls dies situativ noch möglich ist. Danach kommen Gegenstände oder auch Waffen, die ich zwischen mich und den bewaffneten Angreifer bringen kann. (dabei gilt immer, dass ich selber mit meiner Waffe umgehen können muss!) Also vielleicht kann ich gegen einen Messerangriff einen Stuhl schnappen und ihn als Schild oder Schlagwaffe gebrauchen. Oder ich habe gelernt, eine Jacke als Waffe zu benutzen oder einen Schirm usw… Erst am Schluss steht die reine waffenlose SV-Technik, die ich Tausende Male geübt haben muss, damit sie bei Angst und Stress funktioniert. Und selbst dann ist es nie ausgeschlossen, dass ich schwer verletzt werde, da Angriffe mit Waffen noch unberechenbarer sind, als es waffenlose Angriffe sind.

Selbstverteidigung im Training, ob mit oder ohne Waffen, bedingt Konzentration, Disziplin und gegenwärtig sein im Moment. (Meditation hilft bei diesem Punkt :-) Mein Partner muss mich richtig angreifen, also richtig treffen wollen, damit ich auch richtig abwehren muss und dies somit auch richtig üben kann. Darum haben wir im WingChun-Training Schützer, Messer aus Gummi und gepolsterte Stöcke. Wir wollen die Distanzen richtig üben, sowohl für den Angriff, als auch für die Verteidigung. Wenn ich als Angreifer zum Beispiel meinen Stockangriff gar nicht richtig gegen meinen Partner ausübe, sondern immer kurz vor seinem Kopf stoppe, kann der Verteidiger diesen Schlag immer sehr gut abwehren. So kann man stundenlange trainieren, hat ein Erfolgserlebnis nach dem anderen, aber trainiert ganz wichtige Bewegungsmuster falsch ein. Wenn man dann im Ernstfall auf diese Bewegungsmuster zurückgreift (auf „psychologisch“: das Unbewusste greift im Stress auf das im Training Geübte zurück), können die Folgen verheerend sein. Der reale Angreifer zieht seinen Angriff plötzlich voll durch, meine Deckung hält nicht stand, ich verlier das Gleichgewicht, weil ich nie mit solchen Kräften geübt habe… oder aber ich wehre noch gut ab, schlage mit durchgestrecktem Arm auf meinen Angreifer ein, aber treffe ihn nicht sauber, weil ich die Distanzen im Training nie richtig berücksichtigt habe…

 

Lange Rede kurzer Sinn: ein realitätsnahes Training ist ganz wichtig! Das heisst aber keinesfalls, dass man sich im Training grün und blau schlagen soll oder mit echten Waffen trainieren muss. (Wir wollen uns im Training sicher nicht übler zurichten, als es uns gemäss statistischer Wahrscheinlichkeit auf der Strasse je passieren wird ;-)
Es heisst aber, dass wir uns mit Schonern und Übungsmaterial überall so gut wie möglich vor Verletzungen schützen, dann aber dieses Equipment voll ausnützen.  Sprich: wir führen die Angriffe richtig aus, vielleicht mit reduzierter Stärke, aber immer mit dem Ziel, wirklich zu treffen. So ermöglichen wir uns und unserem Partner eine möglichst realistische Vorbereitung auf den Ernstfall und bleiben trotzdem vor Verletzungen im Training geschützt.

Ich wünsche Euch dabei viel Erfolg und Spass!

Beste Grüsse

Wing Chun-Schule Chur

Mario Clavadetscher