Newsletter Oktober 2007

Geschrieben am 25. Oktober 2007 von Mario Clavadetscher

Liebe Wing Chun- und Kampfkunst-Freunde

Viel Spass beim Lesen des aktuellen Newsletters! Im Archiv findet Ihr weitere interessante Infos zu den Themen “Sicherheit im Alltag” und “Chi Gong”.

Kung Fu bedeutet “Etwas durch harte/geduldige Arbeit Erreichtes”

Als ich letzthin unsere regionale Zeitung durchgeblättert habe, dachte ich, dass wir eigentlich in einer tollen Welt leben. “Abnehmen beginnt im Kopf, mit den richtigen mentalen Techniken purzeln die Pfunde, ohne dass Sie die Ernährung umstellen müssen!” Auf der nächsten Seite konnte ich mich für einen Kurs anmelden, bei welchem man lernt, Ängste, Sorgen, ja sogar Phobien einfach auf den Meridianen wegzuklopfen. Auch bei einem Mangel an Selbstvertrauen muss ich bei den richtigen Punkten am Körper klopfen und mein Selbstwert steigt auf ein “erträgliches” Niveau. Eine neuartige “Schwingungs-Medizin” oder “AURA-Chirurgie” hilft mir bei körperlichen Beschwerden, ein chinesisch-esoterischer Wohnberater unterstützt mich, dass ich mich auch zu Hause in den eigenen vier Wänden wohl fühle und nicht von negativen Schwingungen oder Strahlungen beeinträchtigt werde.

Wenn ich mir das so überlege, sind wir mit Kung Fu, mit “harter Arbeit” eigentlich gar nicht mehr so im Trend. Es ist halt auch frustrierend, wenn mich der Trainer bei der gleichen Bewegung immer wieder korrigiert, obwohl ich sie doch vor dem Spiegel so lange geübt habe! Und jetzt soll sie immer noch nicht stimmen??? Suche ich mir halt ein anderes Hobby… Heute geht eben alles viel leichter und einfacher als früher. Dies ist nun mal der Lauf der Zeit!

Oder gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille? Yin UND Yang?
Ein altes wohlbekanntes Sprichwort sagt: “Der Weg ist das Ziel”. Könnte es sein, dass wir uns in unserer heutigen Konsum-Gesellschaft zu sehr auf das Ziel fixieren oder den Weg dahin sogar vernachlässigen? Warum fühlen sich heute so viele Menschen im Alltag überfordert? Warum betrinken sich schon Kinder oder entfliehen der Realität mit Kiffen?

Ja, könnte es denn sein, dass wir uns bei der Umgehung des “Weges” um wichtige Erfahrungen berauben? Nehmen wir das Beispiel von oben mit dem Wegklopfen von Ängsten und Sorgen. Eine Psychotherapie, bei welcher ich mich mit mir und meinen Problemen auseinandersetzen muss, welche mir vielleicht die Augen bezüglich meinen Beziehungen zu anderen Menschen öffnet, die ist freilich zeitaufwendig und erfordert auch ein gewisses Mass an Mitarbeit von meiner Seite, zudem ist es nicht immer angenehm. Da ist mir das Klopfen beim Gesundbeter schon lieber.
Gleichzeitig habe ich mich aber um viele Erfahrungen über das Leben, über mich selber, über den Umgang mit Sorgen, darüber, wie ich Probleme selber lösen lerne, beraubt. Könnte diese Vermeidungsstrategie dazu beitragen, dass sich heute viele Menschen überfordert fühlen, weil sie nicht gelernt haben, mit schwierigen Situationen umzugehen?

Ich lasse diese Frage für jeden selber offen. Für das Wing Chun Kung Fu möchte ich aber noch etwas tiefer auf die Problematik eingehen: Wing Chun ist gesund, effizient und macht Freude. Aber es gibt auch Momente, in welchen Schüler und Lehrer gefrustet sind. Vielleicht ärgert sich der Schüler, dass er im Lat Sao immer getroffen wird, vielleicht sind der Schülerin ihre männlichen Trainingskollegen zu grob, vielleicht ist der Lehrer frustriert, weil ein Schüler nach dem x-ten Mal die Form immer noch nicht sauber beherrscht, vielleicht zweifelt der Lehrer dadurch sogar an seinen Fähigkeiten als Lehrer.
Aber dies sind alles sozusagen kostenlose Lektionen für das Leben, die uns wachsen lassen, wenn wir sie versuchen geduldig und beharrlich zu bewältigen.
Darum ist es auch wichtig, Wing Chun Schritt für Schritt zu erlernen und sich die Zeit zu nehmen, jede “Krücke” auf dem Weg zum Meister wirklich seriös zu üben. Es ist schade, bei den kleinsten Schwierigkeiten den Bettel einfach hinzuschmeissen und es bringt nichts, nach hohen Graduierungen zu lechzen und diese zu sammeln wie Trophäen. Die Illusion des unbesiegbaren Meisters könnte bei der ersten Schlägerei schmerzlich platzen!

Mein Vorschlag: Den ganzen Weg im Wing Chun wirklich auskosten, sich die Zeit nehmen, Wing Chun langsam, beharrlich und sauber zu erlernen und sich nicht ständig mit anderen Mitgliedern vergleichen. Besser ist es, sich selber immer ein wenig voranzubringen als nach hohen unrealistischen Zielen zu streben.

Zum obigen Thema empfehle ich Euch das Buch: “Die Droge Verwöhnung” von Jürg Frick und möchte den Newsletter mit dem folgenden Zitat schliessen:

„Kung Fu ist das Unterfangen des Menschen, sich durch ständiges Bemühen zu vervollkommnen. [...] Was immer wir auch tun, stets kommt in unserem Tun unsere innere Verfassung zum Ausdruck.[...] Wenn wir unser Handeln vervollkommnen, vervollkommnen wir uns selbst.“ Taisha Abelar

Mit sportlichen Grüssen
Wing Chun-Schule Chur
Mario Clavadetscher