Meditation und verbale Auseinandersetzungen

Geschrieben am 7. Juli 2007 von Mario Clavadetscher

Liebe WT-Freunde

Im Training haben wir die Achtsamkeitsübung “den Atem beobachten” erweitert auf das Beobachten der Körperempfindungen.
Die Konzentration auf den Atem trainiert uns, mit der Aufmerksamkeit bei einem Punkt zu bleiben und andere auftretende Gedanken loszulassen.

Der Einbezug der Körperempfindungen erweitert die Schulung des Geistes um die Fähigkeit, diese Körperempfindungen wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten. Wenn die Nase juckt oder die Füsse im Lotossitz eingeschlafen sind, verlasse ich den Atem und konzentriere mich ganz auf das dadurch entstehende Gefühl. Ich kann mir in Gedanken sagen “Schmerz – Schmerz…” oder auch “Jucken – Jucken…” Bei Abschweifen des Geistes kehre ich sofort wieder zur Empfindung oder zum Atem zurück.

Gedanken wie “Ach Scheisse, mir tut das Bein weh” oder “Wenn ich mich jetzt nicht gleich kratze, flippe ich aus” versuchen wir ebenfalls wie Wolken am Himmel vorbei ziehen zu lassen und nicht festzuhalten. Wenn es sein muss, kann ich mich auch kratzen oder die Beine ausschütteln, aber immer bewusst und achtsam. Danach wende ich mich wieder dem Atem zu und warte, bis die nächste Körperempfindung ins Bewusstsein tritt und Teil meiner Meditationspraxis wird.

Und was bringt jetzt das Ganze? ;-)

Wir lernen uns und unseren Geist besser kennen. Durch diese Übungen arbeiten wir uns hoch bis wir auch unsere eigenen Gedanken in die Meditation miteinbeziehen und beobachten können. Mit der Zeit gelingt es uns vielleicht, uns etwas von unseren Gefühlen, Gedanken und Empfindungen zu distanzieren und alltägliche Situationen sachlicher wahrzunehmen. Wir werden dadurch in verbalen Auseinandersetzungen weniger oft verletzt, es klappt eher auf der sachlichen Ebene weiter zu diskutieren.

Vielleicht lernen wir auch andere Reaktionsmuster in solchen Situationen zu benutzen: wenn wir bis anhin beleidigt, enttäuscht oder aggressiv auf Kritik reagiert haben, könnten wir Kritik auch plötzlich als etwas Positives und Lehrreiches betrachten und uns beim Gegenüber dafür bedanken. Vielleicht erkennen wir, dass wir nur immer so aggressiv reagiert haben, weil wir alles viel zu persönlich nehmen.
Vielleicht erkennen wir, dass Gefühle und Gedanken einen Teil von uns ausmachen, dem wir nicht immer gerade Folge leisten müssen. Wenn ich mich beleidigt fühle, muss ich mein Gegenüber nicht unbedingt gerade beschimpfen… vielleicht habe ich seine Aussage nur falsch aufgefasst und mache mit meiner Beschimpfung alles nur noch schlimmer.

Gedanken und Gefühle treiben uns oftmals sehr schnell zu voreiligen Reaktionen. Bei Körperempfindungen verhalten wir uns dabei meistens klüger. Wir machen ja auch nicht gerade in die Hosen, wenn wir auf’s WC gehen müssen. Wir gehen mit Bedacht vor, beherrschen die Gefühle und analysieren die Situation: “Wo ist die nächste Toilette?”

Warum also auf der psychischen Ebene nicht gleich vorgehen? Warum nicht einfach einmal entstehende Gefühle ohne zu bewerten wahrnehmen? “Ich fühle mich beleidigt.” “Ich nerve mich.” “Ich habe Herzklopfen.” “Ich habe Angst.” Dann analysieren: “Wie ist das Gefühl entstanden?” “Warum?” “Was wäre jetzt eine kluge Reaktion?” “Wie kann ich die Situation für beide Seiten verbessern? (WIN-WIN-Situation anstreben)” …und erst dann reagieren.

Die regelmässige Meditationspraxis, aber auch andere Entspannungsübungen geben uns dazu die nötige Ruhe und Gelassenheit.

Beste Grüsse
Wing Chun-Schule Chur
Mario Clavadetscher