Chi-Kräfte -> Chi-Tricks
Liebe WingTsun-Freunde
Gerade in den chinesischen KungFu-Künsten tummeln sich unendlich viele Legenden über so genannte Chi-Kräfte, welche bei Kämpfern oder Mönchen durch jahrelanges Training, Atemübungen oder Meditation zu unwahrscheinlichen Fähigkeiten geführt haben sollen.
Wer kennt nicht die weltberühmten Shaolin-Mönche, welche sich Backsteine auf dem Kopf zerschlagen lassen, ohne dass sie sich verletzen? Oder den Tai-Chi-Meister, der so stabil steht, dass er auch von vier erwachsenen Männern nicht umgestossen werden kann. Meistens geht jeder dieser Aufführungen noch eine theatralische innere Sammlung des Meisters mit tiefen Atemzügen voran, damit er die Chi-Kräfte in sich bündeln und erwecken kann.
Nun, solche Leistungen setzen jahrelanges Training, eine gute Körperbeherrschung und ein bisschen Flair zum Showbusiness voraus. Ganz sicher muss man dafür aber keine Chi-Kräfte bemühen. WingTsun-Schüler wissen, dass der Grossmeister Leung Ting seit Jahren zeigt, wie solche Tricks funktionieren. (siehe sein Buch “Behind The Incredibles-Skills of the Vagabonds” oder seine Erklärungen auf http://www.youtube.com/watch?v=nDflabGkdTU )
Meistens sind es ganz einfach erklärbare physikalische Gesetze oder halt eben Tricks, die zu diesen Phänomenen führen.
Ein Beispiel: Grossmeister Leung Ting nimmt sich irgend jemanden aus dem Publikum, legt ihm Steinplatten auf den Kopf und zerschmettert sie mit einem Hammer, ohne lange zu meditieren oder Atemübungen auszuführen. Natürlich bleibt die Versuchsperson unverletzt, da Leung Ting so präzise schlägt, dass nur die Steine und nicht der Kopf kaputt gehen. Ein Trick, welcher aber auch einiges an Übung erfordert.
Ein weiteres Beispiel: Unser stabil-stehender Tai-Chi-Meister.
WT-Schülerinnen und Schüler kennen die Übung, um den IRAS-Stand zu trainieren: Wir müssen unseren Körper von den stossenden Personen Richtung Boden wegdrücken, damit sich die wirkenden Kräfte neutralisieren. Und schon können wir auf einem Bein stehen, auch wenn mehrere starke Männer drücken. Reine Physik und kein Chi, kein “Wunder”.
Nun, was ist das Fazit aus diesen Erkenntnissen?
Atemübungen, Meditation, Bewegung, Stretching, Yoga, KungFu usw…. All dies sind Systeme und Methoden, welche uns zu viel Freude, Wohlbefinden und auch Gesundheit verhelfen können. Wir sollten dabei einfach auf dem Boden der Realität bleiben, denn gerade in der Selbstverteidigung ist es äusserst gefährlich, zu glauben, man hätte dank Chi-Kräften irgendwelche speziellen Fähigkeiten. Im Trainingsraum, im Dojo, mögen gewisse Techniken funktionieren, weil Meister und Schüler am gleichen Strick ziehen (Suggestion, Erwartungshaltungen, Wunschdenken, Bewunderung), aber ausserhalb des Trainingsraumes, im wirklichen Leben, können Illusionen zu gefährlichen Verletzungen führen. Wir müssen unsere Fähigkeiten immer von neuem hinterfragen, die Selbstverteidigung regelmässig und realitätsnah üben, Erfahrungen sammeln, uns mental auf SV-Aktionen vorbereiten, denn auf der Strasse zählen keine schwarzen Gürtel, keine roten Schärpen, keine gelben T-Shirts oder goldene Fäustchen.
Übrigens beschäftigt sich der Amerikaner, James Randi, seit Jahrzehnten mit Chi-Tricks und paranormalen Phänomenen. Bereits in den 80er-Jahren hat er demjenigen 1 Million US Dollar versprochen, welcher ihm beweisen kann, dass es Chi-Kräfte oder ähnliches wirklich gibt. Bis heute steht das Angebot… und Randi musste noch nie bezahlen. Dafür hat er aber zahlreiche Irrtümer und Schwindel aufgedeckt!
Wie sagt man in der Achtsamkeitsmeditation? “DIE DINGE SO SEHEN, WIE SIE WIRKLICH SIND.”
Mit besten Grüssen
WingTsun-Schule Chur
Mario Clavadetscher